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Zen in der Kunst des Pfeilwurfs

Was ist denn hier los? Berlin, Kottbusser Tor an einem Sonntagabend: Im "West Germany", den Räumen einer ehemaligen Arztpraxis in der Skalitzer Straße demonstriert die Berliner Boheme wieder einmal, wie schnell soziale Brennpunkte und Verkehrsknoten der Drogenszene zu Szene-Hotspots umcodiert werden können: Statt Patienten finden sich im zweiten Stock nämlich Besucher und Beteiligte einer Ausstellung ein, die eingangs Plakate zeigt, mittig mit der BRIX-Bar lockt und kurz vor der Wand zum Mitmachen einlädt. 

Dort befindet sich die dArtbar, deren Resultat auf ca. 2 Quadratmetern aussieht, als hätte Lucio Fontana in einem englischen Pub treffgenau eine Leinwand bearbeitet, nachdem Jackson Pollock die Ziele und Cy Twombly die Farben zum Umkreisen der Einschläge ausgewählt hätte. Anders gesagt: Mit jedem neuen Mitspieler verändert sich das Bild, Cluster entstehen und aus der vermeintlichen Zufälligkeit von Würfen auf eine weiße Leinwand entstehen Mikromuster, die ihrerseits den weiteren Verlauf beeinflussen können. 

Denn genau daum geht es: Eine Versuchsanordnung im sozialen Raum, die den Prozess der Zielfindung spielerisch erfahrbar macht. Mit drei Freiwürfen vor einer Leinwand stellt sich jedem die Frage, welches Ergebnis eigentlich das wünschenswerte ist: Ein möglichst genauer Treffer in der Heißen Zone, ungefähr auf Augenhöhe, eher in der Bildmitte? Oder doch das genaue Gegenteil, ein möglichst randständiger Einschlag, am besten weit außerhalb des Zielgebiets, zehn Zentimeter über dem Fußboden an der hinter der Leinwand gelegenen Wand? 

Denkbar - wenn auch in Zeiten wie diesen wahrscheinlich eher unpopulär - der gezielte Vermittlungstreffer, der zwischen angedeuteten Zentren und fühlbarer Peripherie einen Brückenpfosten baut, auf dass der einsame kleine blaue Kringel an der unteren Bildkante sich nicht mehr ganz so blöd vorkommt. Aber auch ganz andere Kriterien mehr ästhetischer Natur sind denkbar: Versuche, farbliche Schwerpunkte oder geometrische Muster zu setzen beispielsweise. 

Dass die Künstlerin bei dieser unorthodoxen Fusion von Konzeptkunst, Minimalismus und Kneipensport ihrerseits auf eine Zielvorgabe verzichtet, ja sogar Abpraller markiert und auch mal einen Kringel an die Kacheln macht, ist nur scheinbar ein Zugeständnis an ein multi-optionales "Anything Goes". Denn befreiende Beliebigkeit ist in Anke Westermanns Arbeit gar nicht Sache. 

Viel mehr erinnert sie uns schmerzlich daran, wie moderne Arbeitsplätze und moderne Welt funktionieren. Anstatt von außen vorgegebene Vorgaben zu erfüllen, an ihnen zu scheitern oder sie zu verweigern steht das gegenwärtige Subjekt auch in angestellten Verhältnissen vor der Aufgabe, Aufgaben und Zielerwartungen beständig selbst zu definieren und sich wandelnden Märkten angemessen zu optimieren - und begegnet dabei seinem gespenstischen sozialistischen Vorläufer, dessen Plan-Über-Erfüllung bereits Teil des Plans war. Oder um es in der Sprache des Zen zu sagen: "Das reine Sein des Pfeils im Ziel" (Zaiteki) und die Einheit von Schütze und Ziel, die dritte Stufe des Kyudo-Bogenschießens, ist heute der allgemein geforderte Standard. Mit einem Experiment, das dies spielerisch aufzeigt, hat die Künstlerin genau ins Schwarze getroffen. 

 

Gunnar Luetzow  anläßlich  fullnelson /BRIX im WestGermany, 2007