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Rauminstallation Gedok-Galerie Stuttgart, 2013

"Man muss im Leben aus dem Fenster sehen, denn die Dinge sind einfach in Wirklichkeit."
Es spielt sicher eine entscheidende Rolle, aus welchem Fenster wir sehen. Und natürlich hängt es davon ab, wer aus dem Fenster schaut, welches Bild sich uns eröffnet. Betrachten wir  die Welt einmal aus der Sicht von Anke Westermann.
Ich möchte mit der ältesten Arbeit beginnen, da sie schon wesentliche Gedanken enthält, die auf die Installation verweisen, welche das Hauptwerk dieser Ausstellung darstellt. Die Fotoarbeit entstand von1999 bis 2002 und zeigt verschiedene Ansichten in Städten wie Berlin, Mailand, Braunschweig und London. Es lohnt sich sehr, die einzelnen Bilder durchzugehen und die Details zu beachten.
Schon damals faszinierte die Künstlerin der kleine Bruch im -scheinbar- Alltäglichen. Eine Intervention im öffentlichen Raum durch einen zufälligen Schatten, rätselhafte Gitterstrukturen, Linien, Striche, verschlossene Türen, zugemauerte Fenster, architektonische Kuben und Zäune. Wir alle kennen die Welt von außen. Wir haben mehr Fassaden gesehen als Wohnungen von innen, mehr Gardinen als Wohnzimmer, mehr Türen und Zäune als Innenräume. Die Architektur steht wie riesige Skulpturen im öffentlichen Raum. Städte verändern sich jeden Tag - nicht nur durch Großprojekte, sondern auch durch kleinere Eingriffe: Wo gestern noch eine Brache war, steht morgen ein neuer Bürokomplex; Bäume verschwinden; Straßen entstehen. Die 42 kleinen Fotografienscheinen hier kurz innezuhalten und einen speziellen Moment zu fixieren, der bleibt.
Die Fotografie beschäftigt die Künstlerin, die Bildhauerei an der Akademie in Braunschweig studierte, schon lange. Denn wer ein Foto macht, bannt Dreidimensionales auf eine Fläche, sodass etwas Zweidimensionales entsteht. Die Künstlerin sucht dann Wege, diese Dimension wieder zu erweitern. Bei der eben besprochenen Arbeit geschieht dies noch ganz verhalten, nur durch den Aufzug der Bilder auf Platten, womit ein kleiner Körper entsteht.
Die große Installation, die wir hier heute im Mittelpunkt sehen, ist ganz neu und entstand eigens für diese Ausstellung in Stuttgart. Schlichte weiße Sockel sind hier zu großen Skulpturen aufgetürmt. Während sie sonst in den Hintergrund treten und bloß dienende Funktion haben, um ein Werk zu präsentieren, sind sie hier Hauptbestandteil der Installation. Dennoch bleiben sie ihrer Funktion treu, indem sie selbst zum Bildträger werden: Farbfotoaufnahmen sind vollflächig an ihren Ober- und Unterkanten angebracht.
Hier erstellt die Künstlerin eine Fotografie und spiegelt sie einmal; zwischen die beiden Bildabzüge setzt sie den weißen Kubus als Körper - durch diese Verbindung entsteht sozusagen eine"dreidimensionale Fotografie". Die Stapel wirken wie zufällig entstanden, sind jedoch sehr bewusst so komponiert. Es besteht allerdings die Möglichkeit, sie neu zu ordnen - und das ist Westermann wichtig. Es ist ihr ein Anliegen, "Möglichkeitsräume zu schaffen; ich möchte nichts in Stein meißeln."
So sagt es die Bildhauerin. Es zeigt sich bei ihr eine große Skepsis gegenüber dem, was "so zu sein" scheint. Denn wir alle kennen die "Sehnsucht nach der einen Aussage, die allgemein gültig ist. Aber es ist eben schwierig, diese zu treffen".
Betrachten wir nun nach der Form die Motive der Fotografien.  Die Bilder zeigen Situationen, die die Künstlerin bei Streifzügen in der Nachbarschaft festgehalten hat. Aber auch diese scheinbaren Schnappschüsse sind streng ausgewählte Momente einer Gesamtkomposition. Was zunächst wirkt wie Zufallsbilder, wird bei näherer Betrachtung eine akribische Sammlung verschiedener Fenster und Türen. Ein Tor zeigt den gemeinsamen Nenner der Fotos besonders gut: Klare Linien, Strukturen und kubische Formen ziehen sich durch alle Bilder. Oder? Nein. So einfach macht es die Künstlerin dem Betrachter nicht. Denn es gibt Brüche. Hier sehen wir Nippes, einen Engel, Ornamente, die sich jeglicher Logik zu entziehen scheinen und sie dadurch nur wieder bestätigen.  Dieser kubistische, moderne Stil, der von Schachteln auszugehen scheint und sich wie minimalistische Skulpturen im Stadtbild verhält, wirkt besonders in Stuttgart, und hier gleich auf vielen Ebenen. Denn wo Städte mit einfacher geographischer Lage bloß lange Ausblicke in eindimensionale Straßenzüge erzeugen können, ist in Stuttgart eine ganze Verschachtelung von Gebäuden sichtbar. Bezüge sind herstellbar, Sichtachsen, Stapelungen, Mehrdimensionalität in der ganzen architektonischen Landschaft. Diese äußere Struktur der Stadt wiederholt Westermann in den gestapelten Kuben.
Mit der Wahl der Module ihrer Installation nimmt die Künstlerin Bezug auf die Tradition der klassischen Moderne. Der White Cube, die Minimal Art und Skulpturenausstellungen des 20. Jahrhunderts sind dabei Inspirationsquellen. Es ist ein Spiel mit den Konventionen, die die Künstlerin bewusst verdreht. Jedoch möchte sie ihr Werk nicht nur als ironischen Kommentar zur modernen Kunst verstanden wissen, sondern als eigenständigen Beitrag zum Diskurs, den sie in vielen Werkzyklen aufgreift.
Die Spiegelung der äußeren Struktur auf verschiedenen Ebenen spielt immer wieder eine wichtige Rolle im Gesamtwerk Westermanns. Und auch das Spiel als Ausgangspunkt einer Erkenntnisreise ist Teil der künstlerischen Identität der Künstlerin. Es entwickelt sich stringent und bezieht dennoch immer neue Aspekte mit ein. Die Schlichtheit der verwendeten Materialien bildet dabei den bodenständigen Kontrast zu den komplexen Gedankenebenen, auf die die Werke verweisen. Kulturwissenschaftliche Fragestellungen des urbanen Lebens in der Großstadt werden dabei ebenso lebendig wie kunsthistorische Bezüge, die scheinbar mühelos die Basis bilden, auf der die vielschichtigen Werke entstehen.
Ausstellungsräume sind für Westermann immer zugleich Ausgangspunkt und Drehpunkt ihrer Werke.
Skulpturen, sagt sie, verändern den Raum um sie herum. Und der Raum verändert die Wirkung der Skulptur. Wer hier genau beobachtet, sieht zum ersten Mal bewusst die Deckenbeleuchtung und die Kassettendecke über der Installation. So wird dieses Interieur sichtbar - nur aufgrund formaler Korrespondenzen, die die Künstlerin wie nebenbei erschafft. Außenräume, die nach innen gebracht werden, und Innenräume, die sich nach außen stülpen, nach außen wirken, sind ein wichtiges Thema für Westermann.
Alles wird zu einem Spiel mit verschiedenen Perspektiven. Es hängt schließlich von meinem Standpunkt ab, wie ich die Dinge sehe: Gehe ich in die Knie, lege ich mich sogar auf den Boden, oder betrachte ich alles aus der Vogelperspektive? Auch diese Fragestellung erscheint bekannt aus der Geschichte der Malerei, wird in der Fotografie aufgegriffen und hier konsequent auf die dritte Dimension der Skulptur übertragen.
Die umgekehrte Richtung sehen wir bei der gezeigten Videoarbeit. Was inhaltlich und formal völlig schlüssig erscheint, ist im nächsten Moment wieder vollkommen unklar: Im Loop passiert hier scheinbar nicht viel; der Betrachter erkennt Blätter, die im Wind wehen, vielleicht durch eine Tür betrachtet. Oder einen Zaun? Ist das da der Blick aus dem Fenster hier drüben? Die fehlende dritte Dimension gibt uns Rätsel auf.
Bei dem kleinen Kartenspiel auf dem Tisch wird der Betrachter zum Mitmachen aufgefordert. Ist das ein Puzzle? Das Bild hier könnte dazu gehören. Oder doch nicht? Ist es ein Memory? Sind diese Bilder nicht gleich? Nein. Wie ist hier die richtige Perspektive? Was ist die ideale Collage? Es geht Westermann um ein Spiel mit Ansichten und Perspektiven, die sich immer wandeln können. Auch hier, wie schon bei den Fotos der großen Installation, sehen wir Blicke von drinnen nach draußen, Spiegelungen, Zäune, Durchgänge, Begrenzungen und doch Wege oder Durchlässe, auch da, wo Begrenzungen zu sein scheinen. Durch Türen, Zäune und Fenster.
Wir müssen im Leben aus dem Fenster sehen. Vielleicht sind die Dinge einfach in Wirklichkeit?
Jenny Sturm

Ort: Gedok-Galerie, Stuttgart
Zeitraum: November-Dezember 2013
Objekt: Rauminstallation
Material: Sockel, Holz, Fotodrucke, Video
Grösse: 80 qm